Der Zauberkünstler Antonius Ignaz


Die folgende Geschichte behandelt einen Auszug aus dem Leben des Zauberkünstlers oder auch, wie die wenigen seiner Freunde ihn zu nennen pflegen, Zauberers Antonius Ignaz und strebt an, Dir, geneigter Leser, seine Eigenschaften und Seltsamheiten näher zu erläutern sowie seine Persönlichkeiten in den feinsten Zügen genauer auseinander zu legen. An dieser Stelle spielt es in jedem Falle also keine Rolle, ob die Namen anderer Figuren Verwendung finden, denn es liegt doch gerade der Schwerpunkt auf unserer bereits erwähnten werten Hauptfigur Antonius Ignaz, wie auch seinen Handlungen, die ich im Folgenden zu erläutern versuche. Es empfiehlt sich, dazu die eigene Faulheit, die allzu oft an literarische Figuren in einer künstlichen oder psychologischen Weise herangetragen wird, abzulegen und lediglich fingiert den Weisungen des Textes zu folgen, um eine mögliche falsche Verschränkung von Gefühlen oder Vorausweisungen mit und an das Geschriebene zu verhindern. Daran ist mir sehr gelegen, aber nun gut, wir wollen mit der Erzählung endlich beginnen.
In einem großen Raum, achteckig angeordnet und von hohen Decken eingeschlossen, saßen bei rustikaler Einrichtung einige Menschen, beschränken wir die Zahl der wichtigsten auf drei, zusammen bei Tische. Einige spielten Karten, tranken und waren in belanglose oder in anderem Falle auch belangvolle Gespräche vertieft, wobei sie gerne rauchten, die Nasen rümpften wie auch husteten und gerade dieses Husten oft aus Gründen der falschen Höflichkeit in ein krächzendes Lachen hinübergleiten ließen. Bei der Beschreibung dergleichen fällt also insbesondere auf, dass es sich um eine Zusammenkunft vornehmlich männlicher Teilnehmer handelt, in deren Gesellschaft sich der Zauberkünstler Antonius Ignaz wiederfinden wird. Diesen Umstand verursachte ein ihm bekannter Kunsthändler, dessen windige Beziehungen in die höheren Schichten betuchter Kaufmänner, Kunstliebhaber oder solcher, die sich das Trinken leisten konnten, sich als vorteilhaft heraustellten. Hierbei muss, wiewohl sehr ausschweifend, noch dringend erwähnt werden, dass unsere Hauptfigur einfachen Verhältnissen entsprungen und diesen auch lange Zeit verpflichtet gewesen war, durch glückliche Zufälle aber, womöglich auch durch göttliche Fügungen, und vor allem durch geschicktes Verhalten es erreicht hatte, ein Leben in finanziellen Nöten und körperlichem Elend zu verhindern. Auch haftete ihm nach vielen Bemühungen in der Kunst, den eigenen Körper zu beherrschen, keinerlei bäuerliche, knabenhafte oder lumpenartige Körperhaltung mehr an. Allein, er erreichte seine Ziele gerade darüber, für jede Situation die angemessene Haltung zu finden. In dieser Beziehung, so entschied Antonius Ignaz am Anfang seiner Übungen und Bemühungen, liegt alle Überzeugungskraft und überhaupt Wirkung und Erscheinung, ja das ganze Charisma in der Auswahl des richtigen Ganges; die übrige Haltung des Körpers habe diesem Diktat zu folgen. Diese Fähigkeit erhob Antonius Ignaz zu einer neuen Meisterschaft und mit den Jahren, sein Alter dürfen wir auf das Ende gesunder Dreißiger schätzen, zu einer geradezu unmenschlichen Perfektion. So gelang es Antonius Ignaz nach einer Vielzahl von Erfolgen beim einfachen Volk, genügend Mittel anzuhäufen, um einen eleganten braunen Gehrock schneidern zu lassen, welchen er fortan auch für seine Vorführungen instrumentalisierte, die er nun auch in höheren Häusern abzuhalten im Stande war. Vielmehr noch, er aß zu Hause nur noch Brot und ließ nach einiger Zeit mit dem Ersparten  einen solchen Rock in Enzianblau wiederum schneidern, um in adligen Kreisen den Anschein gespielten Besitztumes zu vermeiden. Für beide Kleidungsstücke wählte Antonius Ignaz einen ebenso eleganten Gang, schreitend, aber doch in kürzeren Schritten, stets im klackernden Takt der eigenen holzbeschlagenen Stiefel, wobei die Unterarme in leichtem Schwung, jedoch in strengerer Haltung synkopisch den Vorgaben seiner schlanken Beine folgten. Diese Gangart eröffnete den außergewöhnlichen Vorteil, den Saum des Gehrocks in ein feines, unbedarftes Pendeln zu versetzen, wodurch schnellere Bewegungen, abruptes Innehalten oder ähnliche Regungen stets ihre Feinheit bewahrten und gleichsam die Augen der Zuschauer ganz in der Faszination perfekter Haltung zu bannen vermochten. Aber finden wir uns wieder im vorweg beschriebenen Raum ein, imaginieren das Gelächter, den Lärm, ein lächerliches Klavierspiel und so weiter, vor allem aber den Auftritt unserer Hauptfigur, die bald durch eine der seitlichen Türen das Etablissement betreten wird. Weiterhin natürlich die erwähnten wichtigen Drei, welche wir als Figuren genauer beobachten wollen als die anderen. 
Im gleichen Raum nämlich befand sich unter der vornehmlich männlichen Gesellschaft auch eine Dame jüngeren Alters, Mademoiselle Adéu, die für ihre Vorliebe, modisches Schwarz zu tragen, sowie ihren regen Tabakkonsum, insbesondere aber aufgrund ihrer natürlich außergewöhnlich schönen Erscheinnung höchste Anerkennung und Ehrerbietung unter den Gästen genießen durfte, wenn gleich auch diese beizeiten in ihrer Trunkenheit das Halstuch oder die Krawatte lockerten, den perligen Schweiß aus den Haaren strichen und Mademoiselle unanständig zum Tanze aufforderten. Diese Gesuche wurden durch zwei mit Mademoiselle Adéu am Tische sitzende ältere Herren verhindert, welche ich nachfolgend etwas genauer beschreiben möchte. In ersterem Falle handelt es sich um einen untersetzten Mittsechziger, eine feine Karikatur seiner selbst, gekleidet in einen schwarzen, zweireihigen Frack, welchen der dicke Bauch in jedem Moment zu sprengen drohte, während auf dem runden Kopf ein zeitgemäßer Zylinder wackelte. Seine gesamte Erscheinung könnte man, wäre jener nicht eine Person ehemals hohen Standes und ebenfalls von großem Ansehen aufgrund seiner vormaligen Leistungen auf dem Feld der Staatsangelegenheiten, als dampfkesselförmig bezeichnen, zumal er dicke Wolken blauen Rauchs aus den ebenso dicken Backen blies und nur mit krächziger Stimme im knatternden Diskant sprechen konnte. Soviel dazu, geneigter Leser! Nun aber zu seinem Gegenüber. Hierbei handelt es sich um einen schlankeren, wenn auch nicht sehr schlanken jüngeren Herren, wir möchten ihn auf das Ende der Vierziger schätzen, gekleidet in einen dunkelblauen Frack und gelb-grüner Weste. Die modisch etwas außergewöhnliche Erscheinung unterstrich jener gerne durch das Tragen eines antiquierten Barts nach Vorbild Napoleons III., welcher besonders in den Kreisen des Adels missgünstig bewertet wurde, während hingegen die bewusst über die Stirnhälfte gekämmten, welligen nussbraunen Haare insbesondere bei den jüngeren Frauenzimmern große Fürsprache und Sympathie erfuhren, umso mehr, wenn einige dieser Strähnen im warmen Bariton seiner Stimme in Schwingung gerieten. Diese drei Menschen pflegten also viele Nächte zusammen am Tisch zu sitzen, wiewohl sie, trotz inniger Konversation, Kartenspiel und bei allen Gemeinsamkeiten wie Unterschieden ihres Habitus wie auch der Auseinandersetzung über eben gleiches, niemals eine persönliche Ebene miteinander erreichten. Vielmehr schwebten sie wie ihr eigener dichter Rauch gemeinsam durch die Nacht, um mal zu verschmelzen, sich mal zu umspielen, um bald am Ende des Abends, bald in den frühen Morgenstunden, wenn man die Fenster zum Lüften öffnete, allein durch die klammen steinernen Straßen, ein jeder in seiner Richtung, zu entschwinden.
In diese merkwürdige Gesellschaft also geriet nun unsere Hauptfigur Antonius Ignaz. Endlich möchte ich davon erzählen.
Die leise knatternde Seitentür also fiel langsam ins Schloss und Antonius betrat unbemerkt den Raum. Mit den ersten musternden Blicken überflog er das Etablissement und überlegte, wie er seinen Gang, welchen er zuvor als besonders eleganten auserwählt hatte, nun der Räumlichkeit anpassen und etwas unauffälliger gestalten könne, um mit der Sicherheit des diskreten Gentlemans später die Gesellschaft und vielleicht auch die eine oder andere gute Partie für sich gewinnen zu können. Das ist eigentlich alles.

Kalte Gedanken

Wedlav erstarrte unter der kleinen Gruppe von zwölf Tannenbäumen, die sich auf der ebenso kleinen Lichtung zusammengefunden hatten, um zitternd beieinander im Schnee zu stehen. Natürlich schien wieder der volle Mond am Himmel wie eine wunderliche Lampe. Wedlav beobachtete diesen. Vielleicht wehmütig, das wissen wir nicht, jedenfalls beobachtete er nur und dachte nichts. Auch sein Gesicht, hell im Mondlicht, verriet keine Gefühle, Neigungen oder dergleichen.  Er saß nur dort, die Arme um die Knie geschlossen, und blickte hinauf.
Die Tannen aber waren schlau genug ihn deshalb nicht für einfältig oder sogar für einen Unmenschen zu halten. Sie schwiegen und überlegten wie ältere vernünftige Menschen, wonach sie ihr Handeln ausrichten sollten. Der Mond seufzte leise. Da plötzlich, als hätte sie den Schleier durchbrochen, geriet eine der Tannen in großen Aufruhr, warf einen dicken Schneeball in das kalte Gesicht des jungen Mannes, dass der Schnee in alle Richtungen dumpf zerstäubte, und rief ihm zu: »Das ist das Ende!«

In der Sprechstunde

»Was ist nur mit Ihnen geschehen?«, fragte der Arzt, indem er seine Brille zurechtrückte.
»Ich habe mich in einen Kürbis verwandelt«, sagte der Kürbis. 
»So so.«
»Ja. Mit mir verhält es sich so, dass ich es mit der Ungeduld überhaupt nicht mehr aushalten konnte, weshalb ich mich plötzlich eines Tages verwandelte.«
»Aha.«
»Das Leben als Kürbis ist aber keineswegs besser. Weil ich zuvor in der Liebe und im Leben stets zu schnell oder voreilig handelte und die Menschen sich bedrängt und auch überfordert fühlten, bin ich nun natürlicherweise bewegungslos, um Schaden von mir und anderen abzuwenden. Davon versprach ich mir eine lebenswerte Zukunft. Aber das trifft leider nicht zu.«
»Sicher nicht, Kürbis.«
»Ich bin also zu Ihnen gekommen, weil ich nun ratlos und verzweifelt bin. An mein voriges Leben ist nicht zu denken, aber dieses hier entspricht gar nicht meinen Vorstellungen. Herr Doktor, warum muss ich stets in höchster Ungeduld und Entfernung zur Liebe leben?«
»Weil Glück und Unglück auch für Kürbisse unumstößlich bleiben«, antwortete der Arzt gereizt aber wohlwollend und ließ den Patienten aus dem Zimmer schaffen, während dessen Tränen den Teppichboden orange färbten.

Buntes Schneetreiben

Einmal, im Winter, da fielen plötzlich alle Sterne vom Himmel auf die Erde. Vom seltsam dumpfen Geräusch ihres Aufprallens geweckt, versammelten sich die Bürger eines größeren Dorfes vor ihren Häusern im Schnee. Dort standen sie in der tiefsten Nacht und Dunkelheit, denn die Sterne waren erloschen. Sogar der Mond wurde schon seit mehreren Monaten vermisst und viele vermuteten, er hielte sich an einem anderen Ort versteckt oder sei übereilt in eine andere Welt geflüchtet. Endlich brachte man Fackeln herbei, um die seltsamen Himmelskörper untersuchen zu können. Als nun Straße um Straße das Dorf hell erleuchtet wurde, setzte ein großes Heulen und Klagen ein. Viele heiße Tränen liefen da über die Wangen. Selbst den hartgesottensten Bewohnern, die schon viele trübe Tage gesehen hatten, quoll es nur so aus den Augen. Während die Tränen also wie Regenschauer herunterprasselten, da kam gerade ein kleiner Junge aus der Nachbarstadt vorüber und wunderte sich: »Was sind das nur für Menschen, die Kürbisse beweinen?«            

Emil und die anderen

Als Emil nach Hause kam, da waren plötzlich alle verschwunden. Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Sogar der Großvater und die Großmutter. Und noch nicht genug. Auch Onkel und Tanten waren nicht aufzufinden, von Cousins und Cousinen ganz zu schweigen. Sogar deren Freunde, Verwandte und wiederum deren Freunde hatten sich in Luft aufgelöst.
Um ehrlich zu sein: Selbst der eben genannte Emil war eigentlich nicht da.

Lech und die Liebe

In der kleinen Bäckereistube waren nachmittags einige Menschen zusammengekommen. Unter ihnen auch der liebende Lech und eine schöne Frau jüngeren Alters. »Sie sind...«, setzte er an, »Sie sind sehr schön.
Sie haben eine schöne Nase und wunderbare, helle Haut. Wenn Sie dort so im Licht stehen, dann sieht man es genau. Wie Porzellan. Auch ihre Hände sind wohlgeformt, wie die wenigsten Menschen leider bemerken. Das macht mich sehr traurig. Aber wenn ich Sie dann wieder ansehe, hier in dieser Bäckerei oder draußen in der Welt, dann bin ich nicht mehr traurig. Sie tragen auch einen schönen Hut, obwohl er eigentlich nichts taugt. Genauso wenig ihre Stulpenstiefel. Die taugen auch nichts. Aber an Ihnen, Fräulein, an Ihnen ist es alles so zauberhaft. Ich möchte Ihnen auch unbedingt sagen, Fräulein, dass ich sogar sehr gerne mag, wie Ihre feinen Augen so klar und blass die Brote mustern. Wie kleine Reihen junger Kindergartenschüler. Dazu die Sonne und die Kühle, also jede herbstliche Regung der letzten Tage, welche so feenhaft an Ihnen klebt. Und auch wenn ihr Kind, das junge Mädchen mit dem Holzroller dort draußen, vor der Tür auf Sie wartet und hineinlugt wie eine hungrige Katze, und ich über das Vorhandensein Ihres womöglich sehr groben Ehemannes weiß, so möchte ich Ihnen sagen, dass ich Sie von nun an liebe.«
So sprach Lech aus, zog den Schal enger um den Hals und ging hinaus, um den ersten Schritt in eine zebrochene Welt zu setzen. 

Werk und Wille

Immer wenn Cornelius vor der Staffelei saß und malte, wurde er von einem entfernten Bekannten besucht. Dieser hieß mit Vornamen Franz und er schmähte die Werke des Malers hinter seinem Rücken, indem er hinterlistige Geschichten über deren Entstehung bei Freunden und Familie verbreitete. Eines Tages, nachdem er getrunken hatte, trat er mutig in das Atelier und rief in Freudentränen: »Deine Bilder sind stinkend und verschwitzt, Du Dummkopf!«
Cornelius aber erwiderte nichts, sondern schoss ihm direkt eine Kugel durch das Herz. Dann schoss er auch allen anderen, die ihn schmähten, eine Kugel durch das Herz. Danach schoss er noch ein paar Mal grundlos in die Luft, bis er davon genug hatte und sich wieder ans Malen setzte.

Lucretia und Florindo

Lucretia küsste Florindo unter einem Baum. Und Florindo freute sich. Und Lucretia freute sich auch. Und Lucretia trug einen schönen langen Rock. Und Florindo hatte Herzklopfen. Und Lucretia nahm seine Hand. Und Florindo trug einen feinen Hut. Und der Baum rauschte im Wind. Und Lucretia vergaß alle Menschen auf der Welt. Und Florindo zitterte ein wenig. Und Lucretia hatte langes, dunkles Haar. Und Florindo einen feinen Bart. Und ein Apfel fiel auf Florindos Kopf.

Ungerechtigkeiten

»Warum ist es so ungerecht?«, flehte Anton.
»Warum, warum schaut sie mich nicht an? Warum, warum, warum, kann ich sie nicht sehen, wenn ich es möchte?«, flehte er wiederum mit tränengefüllten Nussaugen.
»Warum, warum, ist alles ungerecht verteilt?«, flehte er, diesmal zu laut und ein spitzer, dünner Mann mit feinen Schuhen und schwarzem Gehstock erwiderte lachend:
»Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt«, fasste den eigenen dünnen Magen mit den alten Händen und schlich sich davon wie ein Mensch, der einsam bleiben will.

Falsche Freunde

Als wir eines Tages alle zusammen einen Spaziergang durch den verregneten Nachmittag wagten, da blieb Malvin mit dem Ärmel an einem Ast hängen. Während alle große Mühe aufbrachten, um ihn aus dem Gestrüpp zu befreien, geriet dieser in einen unbändigen Furor, biss, schlug und der Mund stand ihm voller Schaum. Die anderen, in einer großen Aufregung gefangen, schrien und lachten lauthals durcheinander wie die Schwachsinnigen, wobei sie Malvins Arme und Beine unter die Achseln klemmten und sie bis weit in den Wald mit sich hineinzogen. Ein schrecklicher Ekel ergriff mich bei diesem Anblick und es half auch kein Kopfschütteln.

Höllensturz

Sibylle betrachtete die sandsteinfarbene Brücke genau. Sie hatte dreizehn Bögen, maß etwa dreiunddreißig Meter in der Höhe und auf ihr warteten zweihundertfünfzigtausend unbekleidete Männer. Nacheinander sprangen sie beherzt in das kalte Wasser. Die meisten jedoch zersplitterten, dass Arme und Beine in alle Richtungen herumflogen, weil sie nicht genug Gewicht mit sich brachten. Schon nach dem siebzehnten Sprung verlor Sibylle die Lust daran und lief ans Ende der Welt, wo sie stolperte und sich eine ernsthafte Verletzung zuzog. Die Männer indes sprangen weiter.   

Franca und Franc

Weil Franca ihre Mitmenschen stets respektvoll behandelte und niemals anderen Leid zufügte, geriet sie an die Flasche und wurde wahnsinnig. Ihr Bruder Franc aber nicht. Dieser blieb völlig normal, auch wenn er ab und an trauerte. »Warum bleibt er normal?«, fragte ein anderer, ein junger Mann, der für seine Neugier bekannt war. Diese Geschichte kann uns allen darüber natürlich keine Auskunft geben. Sie erzählt es einfach nicht. 

Eine neue Tasse Tee

Hendrik ließ eine Tasse Tee fallen und blickte apathisch auf die Scherben. Alle schimpften ihn einen Idioten und viele schlugen ihm aus blanker Wut mit der flachen Hand ins Gesicht, dass es nur so klatschte. Selbst als dicke Tränen Hendriks Wangen hinabliefen, wollten die anderen ihre Meinung nicht ändern. Der Mond, welcher in dieser Nacht besonders rund und groß am Himmel klebte, äußerte sich ungefähr so: »Er bleibt ein Idiot.«  

An der Eiche

Der Donner erbrach sich über eine Stadt und geölte Blitze regneten vom Himmel auf Leonie und Lowein herab. Er wollte sie in Sicherheit bringen und floh mit ihr über die Felder zur alten Eiche. Sie schrie, als er sie wütend unter einem Baum in der Erde vergrub. Als ihn der Blitz traf, floh sie endlich. So kann es gehen im Leben.

Liebesbeweise

Immer wenn ich sie auf dem Weg zur Schule abholte, fuhren wir gemeinsam auf unseren Rädern und lächelten uns an, während die Sonne unsere Gesichter zerkratzte. Sie war schön und kannte meine Gefühle nicht. Ich dachte an ein Tandem und beschloss in meiner Liebherzigkeit eines zu kaufen. Das Geld dafür erpresste ich von einem behinderten Schüler, bei dessen reichen Eltern ich mich als Freund vorstellte. Als er eines Tages nicht mehr zahlen wollte, erschlug ich ihn in meinem Wahnsinn und kaufte beherzt das Tandem. Am nächsten morgen aber erschien sie nicht, also erbrach ich das Schloss ihrer Haustüre, um mir Zutritt zu verschaffen. Weinend fand ich sie auf dem Sofa; einer ihrer Mitschüler sei gestorben. Dennoch bat ich ihr freudig mein Geschenk an. Sie aber winkte nur ab, weshalb ich sie sogleich mit der metallenen Luftpumpe erschlug. 

Nachtfahrt

Nachts, wenn das Licht der Laternen auf die nassen Straßen fiel, dann ging ich hinaus und wartete auf sie. Sie fuhr ohne Licht durch den warmen Regen und niemals hielt sie an, wenn ich den Arm ausstreckte. Am nächsten Tag kam ich mit dem Gewehr und brachte den Wagen zum Stillstand und mit dem Schuss auch ihr eisernes Herz, das jetzt rostig auf dem meinen ruht.

Dichterstube

Nachdem meine Freundin vor einigen Jahren gestorben war, versuchte ich ihre letzten Gesichtszüge immer und immer wieder zu zeichnen, doch versagte mir die Kraft ein jedes Mal, wenn ich den Pinsel ansetzte. Also ersetzte ich diesen durch eine Feder und ließ sie in Liebesgedichten reinkarnieren. Als ich mich jedoch nach langer Zeit verliebte und meiner Neuen die Gedichte zu lesen gab, verließ sie mich schluchzend ohne zurückzukehren. 

Marktplatz

Den ersten Kuss gaben wir uns auf dem Marktplatz zwischen dem alten Rathaus und der Kirche. Sie war von hohem Wuchs und besonderem Ernst und ihre Küsse schmeckten wie rostige Eisenketten, die es zu ölen galt. Am nächsten Tag erschien sie mit ihrem Vater, einem grausamen Baron. Ich hatte Angst, doch blieb ich, hatte ich doch in der Schule gelernt vernünftig zu handeln. Noch bevor er mit dem Stock ausholte, rannte ich panisch davon. Am nächsten Tag wurde ich in eine andere Stadt gebracht.

Der Erfinder


Ich liebte sie, aber ich stürzte mich nach dem letzten Blick vom Leuchtturm. Ich bin also die Geschichte, die sich selbst schreibt - schließlich ist er ja tot. Sein letztes Handwerk war ein Leuchtturm, der Schiffe in die Klippen leuchtete. Selbst im Tod konnte man ihn noch über diesen Scherz lachen hören: Ha Ha Ha.

Marlon


Marlon saß in einem Café und trank Eisschorle. Auf seiner dreckigen Hose lag ein kleiner Stein, den er immer dort ablegte. Marlon war ein Autist.

Der Nachtwächter


Oft saß ich nächtens alleine in meiner Kabine und beobachtete. Während ich durch das Glasfenster über die Container hinweg starrte, dachte ich oft an ihr Gesicht und wie wir gemeinsam auf einer unermesslich hohen Mauer saßen, wie sie ihr Eis aß und mich anlächelte, wie sie mir ins Ohr flüsterte, wie der Wind sie von der Mauer wehte, wie sie schrie, wie ich hysterisch lachte.

Das Neugeborene


Das Kind kam zur Welt und schüttelte sich sofort in Gegenwehr. Der Arzt, ein hochgewachsener Mann, musterte es neugierig. Dann ließ er es fallen.