Die letzte große Liebe

Viele Tage und Nächte waren schon ins Land gegangen bis es mir endlich gelungen war meine Angebetete in das geliebte Theater einzuladen. Draußen wehte ein kühler, herbstlicher Wind, die Blätter fielen gelangweilt von den Bäumen, um sich niederzulegen und zertreten zu werden und während ich vor dem großen Haus wartete, da blies ich, wie eine Lokomotive, große Rauchschwaden in den anbrechenden Abend. Endlich also kam sie herbei und ihre Wangen glühten noch immer rot, als wir uns wenige Augenblicke später schon nebeneinander auf den knatternden Holzsitzen im Theatersaal vorfanden. Während die große Menge sich aber noch gespitzt in Gesprächen erging, beobachtete ich, wie sie, anmutig und keck zugleich, ihr braunes Haar zwischen den schlanken und blassen Fingern verdrehte, dabei vernichtend leise Seufzer von sich ließ oder mir vielversprechend zulächelte, mal nickte, mal apathisch die Bühne mit ihrem schwachen Augenlicht in den Blick nahm. Von der Wonne und Feierlichkeit dieser Eindrücke überwältigt und ihre Haltung und Neigung zu mir in jeder ihrer Bewegungen prüfend, fasste ich den Entschluss noch zu zögern und mir ihrer Liebe zu mir erst gewiss zu sein, ehe ich in peinliche Anzüglichkeiten geraten könnte; die drohende Gefahr jener hinter uns sitzenden Menschen in höherem Alter und ihre möglicherweise missgünstigen Standpunkte stets taxierend. Doch gleichsam erfüllte mich eine tiefe Ahnung, welche mich in der Gewissheit inbändiger und kompromissloser Liebe ihrerseits, in das sich gerade eröffnende Theaterspiel, den abglimmenden Raum und die zarten wie kräftigen Stimmen der Schauspieler einsinken ließ.
Als aber im fünften Akt die Millerin von Verzweiflung erschüttert die Worte, Ferdinand, auch Du! Gift, Ferdinand! Von Dir! O' Gott, vergiss es ihm! Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm..., die Bühne herunter gesprochen hatte, da fasste die flammende Hand der Liebe sehnsüchtig nach meinem Herzen und in tiefster Inspiration und Aufregung griff ich nach ihrer kühlen Hand und legte sie behutsam in die meine. Sie aber fuhr entsetzt herum, holte weit aus und schmetterte mir eine Ohrfeige, dass sich mein Kopf vom Rest des Körpers löste und in weitem Bogen an das andere Ende des Saals hinfortgeworfen wurde. Während ich aber, über diese Begebenheit und meinen Zustand zugleich, fassungslos, kein Wort herausbrachte, gaben sich alle im Saal bestürzt und in hysterischem Geschrei die Flucht. Einige durch die Flügeltüren, einige sogar direkt durch die Wände; manche zerschellten an diesen qualvoll. Andere aber stürzten sich von der Loge, um auf dem Boden in kleinste Teile auseinanderzubrechen. »Die gehen alle kaputt!«, schrie einer entsetzt und ging dabei vom Irrsinn erfasst in lodernde Flammen auf, wurde aber sogleich von einem der Niederstürzer erschlagen. Alles tobte und brauste in ungeheuerlichem Lärm. Da griff eine junge Schauspielerin geistesgegenwärtig nach meinem Kopf, nahm ihn vorsichtig in ihre feinen Hände, schmiegte mich liebevoll an sich und flüsterte leise: »Alles keine guten Menschen.«