Die Feigheit der Wörter

Lobosch schüttelte, sprang, riss und schrie, aber es half nichts. Die Wörter blieben feige und versteckten sich. Lobosch nahm einen alten Zettel aus der Tasche und schrieb darauf: Nichts. Nichts. Nichts, bis die Wörter über und über in schwarzer Tinte verliefen. Lobosch schloss daraus, dass auch eine große Menge davon nichts half, blieb doch letztlich nichts anderes übrig als die Feigheit der Wörter. Fieberhaft riss er die Arme weit nach hinten, kippte beinahe vom hölzernen Stuhl, klagte, verwünschte und trampelte, aber es half nichts. Die Einsamkeit blieb und Lobosch rauchte alle Zigaretten auf, die er finden konnte. Dann blickte er bestürzt aus dem Fenster und hustete lange. Das half auch nichts. 
Plötzlich aber sammelte er sich, verwarf alles Geschriebene, lief unerschrocken auf die Straße hinaus, fiel sogleich vor  der geliebten jungen Strickwarenverkäuferin aus der Stadt auf die Knie und sagte: »Ich knie vor Dir und weine dicke Tropfen, weil ich nie vergessen möchte, dass es Dich gibt und damit Du mich auch nicht mehr vergisst.«   

Die Kinder vom Dorf


Der Flieder nimmt den Morgentau
in seine Arme wieder,
die Kinder singen leise Lieder
und die Wälder dämmern grau.

Am Hügel oben glänzt ein Licht
ins Tal hinab schon weit,
zum Dorfe still, und ohne Zeit,
und graue Wolken stehen dicht.

Dann trommelt es in kleinen Tropfen,
der Wind heult in der Ferne,
er löscht den Kindern die Laterne,
und an die Türen tönt ein Klopfen.

Dort schleicht in feuchtem Nebelgang,
durch die Gassen leise,
Ahasveros, der ewig greise,
im Bettlerkleide schwer entlang.

Dort liegen wie bei Spielerei 
in tiefer Angst verrenkt,
zwei Kinder in ein Bett gezwängt,
und lauschen seiner Litanei.

Unglückliche Zirkustage

Draußen herrschte lautes Geschrei. »Hört doch, ihr Narren!«, rief da jemand, das Publikum brauste, ein Löwe grollte missmutig im tiefsten Bass, der Dompteur brüllte angestrengt, Kinder schrien durcheinander, ein König verbeugte sich. Es war bereits Nacht geworden, schon setzte ein schwerer Regen ein und trommelte dumpf auf die Dächer. Der alte Bauwagen wogte leicht im Wind, die Kerzen am Schreibpult zitterten.
Kasper legte das feuchte Taschentuch aus der Hand und betrachtete die neuen Glasphiolen im Holzregal. 
Das Jonglieren mit den Phiolen hatte er vor langer Zeit zur höchsten Meisterschaft gebracht. Anfangs noch fielen sie. Fielen und zerschellten. Doch bald schon fand er sein ganzes Glück darin, die zerbrechlichen Gefäße mit den unterschiedlichsten seiner Gefühle ausnahmslos zu füllen und sehr achtsam mit ihnen umzugehen, damit diese fortan bei ihm blieben. Unaufhörlich schwebten sie hoch in der Luft, kreisten in  unterschiedlichste Richtungen davon, wirbelten, schimmerten und glänzten. Keine einzige zerschellte. 
Kasper nahm das feuchte Taschentuch in die Hand und betrachtete die leeren Glasphiolen im Holzregal. Das Publikum brauste und ein König verbeugte sich.