Buntes Schneetreiben

Einmal, im Winter, da fielen plötzlich alle Sterne vom Himmel auf die Erde. Vom seltsam dumpfen Geräusch ihres Aufprallens geweckt, versammelten sich die Bürger eines größeren Dorfes vor ihren Häusern im Schnee. Dort standen sie in der tiefsten Nacht und Dunkelheit, denn die Sterne waren erloschen. Sogar der Mond wurde schon seit mehreren Monaten vermisst und viele vermuteten, er hielte sich an einem anderen Ort versteckt oder sei übereilt in eine andere Welt geflüchtet. Endlich brachte man Fackeln herbei, um die seltsamen Himmelskörper untersuchen zu können. Als nun Straße um Straße das Dorf hell erleuchtet wurde, setzte ein großes Heulen und Klagen ein. Viele heiße Tränen liefen da über die Wangen. Selbst den hartgesottensten Bewohnern, die schon viele trübe Tage gesehen hatten, quoll es nur so aus den Augen. Während die Tränen also wie Regenschauer herunterprasselten, da kam gerade ein kleiner Junge aus der Nachbarstadt vorüber und wunderte sich: »Was sind das nur für Menschen, die Kürbisse beweinen?«            

Emil und die anderen

Als Emil nach Hause kam, da waren plötzlich alle verschwunden. Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Sogar der Großvater und die Großmutter. Und noch nicht genug. Auch Onkel und Tanten waren nicht aufzufinden, von Cousins und Cousinen ganz zu schweigen. Sogar deren Freunde, Verwandte und wiederum deren Freunde hatten sich in Luft aufgelöst.
Um ehrlich zu sein: Selbst der eben genannte Emil war eigentlich nicht da.

Lech und die Liebe

In der kleinen Bäckereistube waren nachmittags einige Menschen zusammengekommen. Unter ihnen auch der liebende Lech und eine schöne Frau jüngeren Alters. »Sie sind...«, setzte er an, »Sie sind sehr schön.
Sie haben eine schöne Nase und wunderbare, helle Haut. Wenn Sie dort so im Licht stehen, dann sieht man es genau. Wie Porzellan. Auch ihre Hände sind wohlgeformt, wie die wenigsten Menschen leider bemerken. Das macht mich sehr traurig. Aber wenn ich Sie dann wieder ansehe, hier in dieser Bäckerei oder draußen in der Welt, dann bin ich nicht mehr traurig. Sie tragen auch einen schönen Hut, obwohl er eigentlich nichts taugt. Genauso wenig ihre Stulpenstiefel. Die taugen auch nichts. Aber an Ihnen, Fräulein, an Ihnen ist es alles so zauberhaft. Ich möchte Ihnen auch unbedingt sagen, Fräulein, dass ich sogar sehr gerne mag, wie Ihre feinen Augen so klar und blass die Brote mustern. Wie kleine Reihen junger Kindergartenschüler. Dazu die Sonne und die Kühle, also jede herbstliche Regung der letzten Tage, welche so feenhaft an Ihnen klebt. Und auch wenn ihr Kind, das junge Mädchen mit dem Holzroller dort draußen, vor der Tür auf Sie wartet und hineinlugt wie eine hungrige Katze, und ich über das Vorhandensein Ihres womöglich sehr groben Ehemannes weiß, so möchte ich Ihnen sagen, dass ich Sie von nun an liebe.«
So sprach Lech aus, zog den Schal enger um den Hals und ging hinaus, um den ersten Schritt in eine zebrochene Welt zu setzen. 

Werk und Wille

Immer wenn Cornelius vor der Staffelei saß und malte, wurde er von einem entfernten Bekannten besucht. Dieser hieß mit Vornamen Franz und er schmähte die Werke des Malers hinter seinem Rücken, indem er hinterlistige Geschichten über deren Entstehung bei Freunden und Familie verbreitete. Eines Tages, nachdem er getrunken hatte, trat er mutig in das Atelier und rief in Freudentränen: »Deine Bilder sind stinkend und verschwitzt, Du Dummkopf!«
Cornelius aber erwiderte nichts, sondern schoss ihm direkt eine Kugel durch das Herz. Dann schoss er auch allen anderen, die ihn schmähten, eine Kugel durch das Herz. Danach schoss er noch ein paar Mal grundlos in die Luft, bis er davon genug hatte und sich wieder ans Malen setzte.

Lucretia und Florindo

Lucretia küsste Florindo unter einem Baum. Und Florindo freute sich. Und Lucretia freute sich auch. Und Lucretia trug einen schönen langen Rock. Und Florindo hatte Herzklopfen. Und Lucretia nahm seine Hand. Und Florindo trug einen feinen Hut. Und der Baum rauschte im Wind. Und Lucretia vergaß alle Menschen auf der Welt. Und Florindo zitterte ein wenig. Und Lucretia hatte langes, dunkles Haar. Und Florindo einen feinen Bart. Und ein Apfel fiel auf Florindos Kopf.

Ungerechtigkeiten

»Warum ist es so ungerecht?«, flehte Anton.
»Warum, warum schaut sie mich nicht an? Warum, warum, warum, kann ich sie nicht sehen, wenn ich es möchte?«, flehte er wiederum mit tränengefüllten Nussaugen.
»Warum, warum, ist alles ungerecht verteilt?«, flehte er, diesmal zu laut und ein spitzer, dünner Mann mit feinen Schuhen und schwarzem Gehstock erwiderte lachend:
»Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt. Weil es ein anderer bekommt«, fasste den eigenen dünnen Magen mit den alten Händen und schlich sich davon wie ein Mensch, der einsam bleiben will.

Falsche Freunde

Als wir eines Tages alle zusammen einen Spaziergang durch den verregneten Nachmittag wagten, da blieb Malvin mit dem Ärmel an einem Ast hängen. Während alle große Mühe aufbrachten, um ihn aus dem Gestrüpp zu befreien, geriet dieser in einen unbändigen Furor, biss, schlug und der Mund stand ihm voller Schaum. Die anderen, in einer großen Aufregung gefangen, schrien und lachten lauthals durcheinander wie die Schwachsinnigen, wobei sie Malvins Arme und Beine unter die Achseln klemmten und sie bis weit in den Wald mit sich hineinzogen. Ein schrecklicher Ekel ergriff mich bei diesem Anblick und es half auch kein Kopfschütteln.