Höllensturz

Sibylle betrachtete die sandsteinfarbene Brücke genau. Sie hatte dreizehn Bögen, maß etwa dreiunddreißig Meter in der Höhe und auf ihr warteten zweihundertfünfzigtausend unbekleidete Männer. Nacheinander sprangen sie beherzt in das kalte Wasser. Die meisten jedoch zersplitterten, dass Arme und Beine in alle Richtungen herumflogen, weil sie nicht genug Gewicht mit sich brachten. Schon nach dem siebzehnten Sprung verlor Sibylle die Lust daran und lief ans Ende der Welt, wo sie stolperte und sich eine ernsthafte Verletzung zuzog. Die Männer indes sprangen weiter.   

Franca und Franc

Weil Franca ihre Mitmenschen stets respektvoll behandelte und niemals anderen Leid zufügte, geriet sie an die Flasche und wurde wahnsinnig. Ihr Bruder Franc aber nicht. Dieser blieb völlig normal, auch wenn er ab und an trauerte. »Warum bleibt er normal?«, fragte ein anderer, ein junger Mann, der für seine Neugier bekannt war. Diese Geschichte kann uns allen darüber natürlich keine Auskunft geben. Sie erzählt es einfach nicht. 

Eine neue Tasse Tee

Hendrik ließ eine Tasse Tee fallen und blickte apathisch auf die Scherben. Alle schimpften ihn einen Idioten und viele schlugen ihm aus blanker Wut mit der flachen Hand ins Gesicht, dass es nur so klatschte. Selbst als dicke Tränen Hendriks Wangen hinabliefen, wollten die anderen ihre Meinung nicht ändern. Der Mond, welcher in dieser Nacht besonders rund und groß am Himmel klebte, äußerte sich ungefähr so: »Er bleibt ein Idiot.«  

An der Eiche

Der Donner erbrach sich über eine Stadt und geölte Blitze regneten vom Himmel auf Leonie und Lowein herab. Er wollte sie in Sicherheit bringen und floh mit ihr über die Felder zur alten Eiche. Sie schrie, als er sie wütend unter einem Baum in der Erde vergrub. Als ihn der Blitz traf, floh sie endlich. So kann es gehen im Leben.

Liebesbeweise

Immer wenn ich sie auf dem Weg zur Schule abholte, fuhren wir gemeinsam auf unseren Rädern und lächelten uns an, während die Sonne unsere Gesichter zerkratzte. Sie war schön und kannte meine Gefühle nicht. Ich dachte an ein Tandem und beschloss in meiner Liebherzigkeit eines zu kaufen. Das Geld dafür erpresste ich von einem behinderten Schüler, bei dessen reichen Eltern ich mich als Freund vorstellte. Als er eines Tages nicht mehr zahlen wollte, erschlug ich ihn in meinem Wahnsinn und kaufte beherzt das Tandem. Am nächsten morgen aber erschien sie nicht, also erbrach ich das Schloss ihrer Haustüre, um mir Zutritt zu verschaffen. Weinend fand ich sie auf dem Sofa; einer ihrer Mitschüler sei gestorben. Dennoch bat ich ihr freudig mein Geschenk an. Sie aber winkte nur ab, weshalb ich sie sogleich mit der metallenen Luftpumpe erschlug. 

Nachtfahrt

Nachts, wenn das Licht der Laternen auf die nassen Straßen fiel, dann ging ich hinaus und wartete auf sie. Sie fuhr ohne Licht durch den warmen Regen und niemals hielt sie an, wenn ich den Arm ausstreckte. Am nächsten Tag kam ich mit dem Gewehr und brachte den Wagen zum Stillstand und mit dem Schuss auch ihr eisernes Herz, das jetzt rostig auf dem meinen ruht.

Dichterstube

Nachdem meine Freundin vor einigen Jahren gestorben war, versuchte ich ihre letzten Gesichtszüge immer und immer wieder zu zeichnen, doch versagte mir die Kraft ein jedes Mal, wenn ich den Pinsel ansetzte. Also ersetzte ich diesen durch eine Feder und ließ sie in Liebesgedichten reinkarnieren. Als ich mich jedoch nach langer Zeit verliebte und meiner Neuen die Gedichte zu lesen gab, verließ sie mich schluchzend ohne zurückzukehren. 

Marktplatz

Den ersten Kuss gaben wir uns auf dem Marktplatz zwischen dem alten Rathaus und der Kirche. Sie war von hohem Wuchs und besonderem Ernst und ihre Küsse schmeckten wie rostige Eisenketten, die es zu ölen galt. Am nächsten Tag erschien sie mit ihrem Vater, einem grausamen Baron. Ich hatte Angst, doch blieb ich, hatte ich doch in der Schule gelernt vernünftig zu handeln. Noch bevor er mit dem Stock ausholte, rannte ich panisch davon. Am nächsten Tag wurde ich in eine andere Stadt gebracht.